percussion
Die Besonderheiten des südindischen Rhythmussystems.

Der südindischen klassischen Musik unterliegt eines der komplexesten rhythmischen Systeme. Es bietet einen einzigartigen Rahmen für das Zusammenspiel von Rhythmus und Melodie, es ermöglicht den Aufbau komplexer rhythmischer Spannungsbögen und unterstützt die rhythmische Improvisation. Ideale Bedingungen für einen Perkussionisten also, sein gesamtes Können und Repertoire auszuspielen.

 

Ein Konzert - Ensemble wird von einem Sänger oder einem Instrumentalisten geführt. Dieser bestimmt auch das Konzertprogramm. Dennoch haben die Begleitmusiker als Solisten große Freiräume an anderen Stellen des Konzertes. Nur selten werden Konzertprogramme bis ins Detail im Voraus festgelegt und oft wird auf die Wünsche des Publikums eingegangen. Eine feste Konzertbesetzung gibt es nicht. So kann es vorkommen, daß sich Musiker auf der Bühne zum ersten Mal begegnen.

Das Ensemble besteht üblicherweise aus einer Melodie- und einer Rhythmusgruppe. Erstere ist dabei in der Regel mit Gesang, Violine, Flöte oder Veena (Laute) besetz. Für Gesang und Flöte wird meist eine Violine zur Melodiebegleitung herangezogen, während die Veena oft von einer zweiten Veena begleitet wird.


Die Rhythmusgruppe besteht aus 2 bis 4 Perkussionisten. Eine typische Instrumentierung ist Mridangam (Doppelfelltrommel), Ghatam (Tontopf), Kanjira (kleine Rahmentrommel mit Eidechsenfell) und Maultrommel.

Die Improvisation nimmt in der südindischen Musik einen großen Stellenwert ein. Es wird nicht nur melodisch, sondern immer auch mit dem Rhythmus improvisiert.

Neben ungerader Gruppen, zum Beispiel 5er, 7er, 9er oder auch 15er, 21er, bedienen sich Sänger und Instrumentalisten gerne auch an Muktayams (auf Tamil Korvai), ein mehrteiliges Muster in beliebiger Länge, das nicht dem Puls der Musik folgt sondern den Puls mit unregelmäßigen Akzenten überlagert und abschließend zur Eins führt, sowie dem Korapu, einem Muster das sich systematisch verringert.

Später werden wir noch genauer auf diese Elemente eingehen.

 

Wie sieht jetzt aber eine solche rhythmische Improvisation konkret aus?

In der Regel leitet der Sänger die Improvisation ein. Er beginnt die Improvisation mit einer kurzen einfachen ungeraden Gruppe und übergibt dann an seinen Begleiter, den Violinisten. Der Violinist antwortet mit einer ähnlichen Gruppe. Die beiden wechseln sich ab, wobei die Phrasen immer länger und komplizierter werden. Dabei wird der Sänger von der Mridangam und der Violinist von Ghatham oder Kanjira begleitet.

Die Musiker schaukeln sich so immer weiter auf und zum Abschluss mündet das Ganze in ein Muktayam, das der Hauptartist vorlegt und das alle Mitmusiker gemeinsam mit ihm reproduzieren sollten.

Die Schwierigkeit besteht nun darin die Kombination des Muktayams zu entschlüsseln und rechtzeitig vorauszuahnen. Meist wissen die Mitmusiker nicht, welche Kombinationen vom Hauptmusiker gesungen oder gespielt werden und oft lässt sich der Hauptmusiker von seiner Inspiration leiten.

 

Die Aufgabe eines Perkussionisten ist es, diese Muster zu erkennen und zu reproduzieren. Und zwar synchron mit dem Sänger, also noch während der Sänger in seiner Improvisation fortfährt.

Dies ist eine anspruchsvolle Aufgabe und fordert von den Perkussionisten, dass sie viele Muktayams kennen, schnell rechnen können und jede Menge Erfahrung haben.

 

Südindische Perkussionisten sind aber nicht nur Begleiter sondern auch Solisten. Im letzten Teil der Hauptkomposition eines Konzertes ist immer ein Perkussionssolo eingebunden.

Die Mridangam, die erste Trommel, gibt ähnlich wie sonst der Sänger den Ton an und legt ihre rhythmischen Ideen vor. Die nächste Trommel z.B. Ghatam, kann sich darauf beziehen oder eigene Ideen vorstellen. Hier zeigen die Perkussionisten nun ihr Wissen über Muktayams, Korapu, und Zwischentempi. Während Sänger und Instrumentalisten oft nur kurze Muktayams in ihren Improvisationen spielen, treiben die Perkussionisten diese Kunst zur vollen Blüte. Kalkulationen über viele Zirkel des Talas sind keine Seltenheit. Beliebt sind auch Tempowechsel wie Halbierung, Verdopplung oder Triolen– und Quintolen Tempi. Der Puls (also das Tala) bleibt jedoch immer konstant und wird vom Sänger und vor allem vom Publikum geklatscht.

 

Hat jeder Perkussionist sein Können zum Besten gegeben, leitet die Mridangam den Schlussteil des Solos ein. Jetzt wird unisono gespielt und die Mridangam leitet die Rhythmusgruppe über Mohra (eine Art Korapu), eine Komposition die jeder Perkussionist kennt, sozusagen ein letztes Sammeln zum Sturm auf das Schlussmuktayam. Nach diesem Muktayam setzt der Sänger oder Instrumentalist wieder ein und beendet die Komposition.

 

Ein Percussionist sollte also bereit sein, für jedes Tala, also in jedem Rhythmus,ein anspruchvolles Solo spielen zu können. Es liegt am Mainartist in welcher Komposition und für welches Tala er das Perkussionsolo haben will.

 

Viele improvisatorischen Formen und alle komponierten Formen unterliegen dem rhythmischen Gefüge des Talas.

Es ist die metrische Grundstruktur eines Musikstückes. Der Puls der Musik wird durch klatschen und das Zählen der Finger angezeigt.

Das beliebteste Tala ist das Adi Tala mit 8 Schlägen. Es ist Bestandteil des 35Tala Systems. Das kleinste Tala dieses Systems hat 3 Schläge und Sankirna Jati Druva Tala ist mit seinen 29 Beat ist das Längste.

 

Zudem gibt es noch Talas mit halben Schlägen, die Chapu Talas.

 

Am häufigsten werden folgende 4 Talas gespielt:

 

Adi Tala - 8 Beat

Roopaka Tala - 3 Beat

Mishra Chapu Tala - 3 ½ Beat

Khanda Chapu Tala - 2 ½ Beat

 

Hier fragt man sich, wie ein solch komplexes System entstehen konnte. Wie können sich die indischen Musiker ohne Noten - es wird alles auswendig gespielt – all das merken und die Übersicht behalten?

 

Der grundlegende Unterschied zum westlichen Verständnis über Rhythmus ist, dass es in Südindien eine Rhythmussprache gibt.

Der westliche Musiker verbalisiert die Matrix auf der der Rhythmus liegt; er zählt.1 + 2 + 3 + 4 + usw. Mit den Händen spielt er dann den Rhythmus.

 

In Indien spricht man direkt den Rhythmus und klatscht mit den Händen den Puls, das Tala (die Matrix). Da die Rhythmen direkt in der Trommelsprache Konnakol verbalisiert werden, ist es den Musikern immer klar, um welchen Rhythmus es sich gerade handelt.

 

Das allein reicht als Erklärung allerdings nicht aus. Viele Kulturen haben Trommelsprachen entwickelt und derart komplexen Rhythmen sind trotzdem kaum anderswo als in Südindien zu finden.

 

Ob es nun durch die Mentalität geprägte Vorlieben oder andere Gründe waren, die zu diesem speziellen System führten, will ich mal dahingestellt lassen. Vielleicht schuldet das System seine Komplexität ja auch der bloßen Bequemlichkeit; wer tanzt schon gerne auf eine Kalkulation...

 

Zum Kalkulieren braucht man Zahlen, und die erhält der südindische Musiker vom Tala.

Die Beats des Talas werden wiederum in so genannte Letter unterteilt. Das Adi Tala z.B. hat 8 Beats, jeder Beat wiederum 4 Letter. Ein Zirkel Adi Tala hat also 8 x 4 = 32 Letter.

Diese 32 Zählzeiten bilden jetzt die Rechengrundlage für die auf diesem Tala beruhenden Rhythmen. Ein westlicher Musiker wird versucht sein, dieses System im Geiste wieder in Takten abzubilden. In der südindischen Klassik wird anstelle von starren Takten in Gruppen von Zahlen gedacht. Das Tala bildet hier wieder nur den Rahmen.

 

Möchte man z.B. eine 27er Phrase, also eine ungerade Gruppe, über einem Adi Tala spielen und auf der Eins landen würde sich das so ansehen.

 

Adi Tala: 32 Letter (Referenzzahl)

Phrase:27 Letter (z.B 3 x 9)

32 Letter – 27 Letter = 5 Letter

 

Ein Perkussionist würde also 5 Letter nach der Eins beginnen, seine 27er Phrase zuspielen. Wie er die ersten 5 Zählzeiten ausfüllt, ist wiederum ihm überlassen. So kann man mit jedem beliebigen Tala oder Rhythmus verfahren.

 

Ein weiteres Beispiel, diesmal auf der Basis des Mishra Chapu Tala:

 

Mishra Chapu Tala: 3 ½ Beat x 4 Letter = 14 Letter

Nehmen wir doch diesmal eine 15er Phrase gespielt über zwei Tala Zyklen.

 

Mishra Chapu Tala: 14 x 2 = 28 Letter (Referenzzahl)

Phrase:15 Letter (3 x 5)

28 Letter – 15 Letter = 13 Letter

 

Die verbleibenden 13 Zählzeiten könnten wir nun beispielsweise in 3 x 4 und einem Letter Pause aufteilen.

Zusammengenommen sieht der Rhythmus dann so aus:

4 4 4 (1) 5 5 5

 

Neben den ungeraden Gruppen wird das Muktayam (auf Tamil: Korvai) zur Bildung von Spannungsbögen herangezogen. Ein Muktayam ist ein mehrteiliges Muster in beliebiger Länge, das nicht dem Puls der Musik folgt sondern den Puls mit unregelmäßigen Akzenten überlagert und abschließend zur Eins führt.

 

Hier ein Beispiel eines einfachen Muktayams mit 32 Zählzeiten in Konnakol:

 

TaDim-Dim-

TaDim-Dim-

TaDim-Dim-

TadiGinathom- TadiGinathom- TadiGinathom

 

Klar zu erkennen, die Gruppen.

1.Gruppe 5 5 5

2.Gruppe 5 (1) 5 (1) 5

 

Noch ein Beispiel für gelungene Gruppierungen anhand eines Korapu in Adi Tala.

 

Man nehme 2 Beats, also 8 Letter und teile die Letter in ungleiche Hälften, z.B. 3 + 5. Jetzt spielt man die 3 + 5 viermal, jedoch in dieser Gruppierung 3333 + 5555. Dies ergibt nun 32 Letter, also eine Zirkel Adi Tala. Danach wird halbiert und noch mal halbiert. Geschrieben sieht das dann so aus:

 

1 mal (3333) + 5555

2 mal (33) + 55

4 mal (3) + 5

 

Dabei wird bei den in Klammern stehenden 3er Gruppen nur die erste Silbe gespielt, was einen aufregenden Effekt ergibt.

 

In Konnakol würde sich das so anhören:

(Tagaga Digigi Gigigi Nagaga) Tadiginathom Tadiginathom Tadiginathom

 

Mit Hilfe des oben beschriebenen Systems kann auch ein westlicher Percussionist hochinteressante Spannungsbögen erzeugen, und damit sein Publikum begeistern. Wo man dies System erlernen kann brauch ich dir wohl nicht zu sagen, oder? Ich sage es dir trotzdem, hier!!!!!!!!

 

 

 

 

 

 

 

 

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